Im Einsatz unter Strom – Stromunfall im Rettungsdienst

Ein Stromunfall ist lebensgefährlich. Sowohl für den Patienten als auch für den Rettungsdienst. Eine professionelle Hilfe verlangt schnelle Entscheidungen vom Notfallsanitäter – bei einem gleichzeitig überlegten Handeln.

Strom – die unsichtbare Gefahr im Alltag

Es war einer dieser Samstage, an dem Martin S. mal wieder über seinen Schatten springen musste: Anstatt in seinem Hobbyraum zu wirken, kämpfte er sich, begleitet von Frau und Kindern, tapfer durch Supermärkte und Fußgängerzonen. Erst am späten Nachmittag fand er endlich Zeit für sich und echte „Männeraufgaben“. Eine Leitung wartete schon lange darauf, mit dem Verteilerkasten verbunden zu werden. Martin S. klettert auf die Leiter, greift in Richtung Stromkasten… ein Knall, ein schmerzhaftes Ziehen im gesamten Arm, und der Familienvater kommt erst wieder auf dem Boden liegend zu sich.

Herr S. kann seinen linken Fuß nicht mehr bewegen, rechter Hand und Arm brennen, sein Herzschlag fühlt sich an, als ob er immer wieder aus dem Takt komme. Seine Frau handelt rasch und wählt die Notrufnummer 112. Die Leitstelle schickt einen RTW und den Notarzt zum Haus der Familie S.. Das NEF trifft bereits nach acht Minuten am Einsatzort ein, der RTW folgt nach weiteren zwei Minuten.

Eigenschutz als wichtigste Grundregel

Während Frau S. zunächst davon ausging, dass ihr Mann lediglich von der Leiter gestürzt sei, berichtete ihr Mann nach dem Notruf vom eigentlichen Geschehen. Über dieses Szenario setzt Frau S. den eintreffenden Rettungsdienst in Kenntnis. Nicht ein Ausrutscher, sondern ein Sturz in Folge eines Stromschlags war die Ursache für das Geschehen.

Sicherheitsabstand abhängig von Spannungsart

Das bedingt am Einsatzort einen Sicherheitsabstand zum Patienten; anschließend wird die Spannungsquelle identifiziert und ggf. abgeschaltet, erst dann erfolgt Patientenkontakt. Der Sicherheitsabstand bei Niederspannung beträgt einen Meter, bei Hochspannung fünf Meter. Wichtig: Das Abschalten der Spannungsquelle bei Hochspannung muss von Fachpersonal, wie zum Beispiel der Feuerwehr, übernommen werden.

Einsatzablauf bei einem Stromunfall

Herr S. ist bei Bewusstsein und ansprechbar. Während einer der Notfallsanitäter sich mit Hilfe des ABCDE-Schemas einen schnellen Überblick über den Gesundheitszustand verschafft, legt der andere ein 12-Kanal-EKG an und kontrolliert die Sauerstoffsättigung (SpO2) mittels Pulsoximeter. Die Sauerstoffsättigung liegt bei Herrn S. bei 91 Prozent. Über eine Sauerstoffmaske werden zur Verbesserung 6 Liter Sauerstoff pro Minute zugeführt. Die Verletzung am Sprunggelenk deutet auf eine geschlossene Fraktur hin. Aus diesem Grund wird das Bein mittels Vakuumschiene ruhiggestellt.

Die weitere Untersuchung auf klinische Symptome durch den Notarzt lassen an vier Fingern leichte Verbrennungen erkennen. Während diese mittels sterilen Kompressen erstversorgt werden, legt der Notfallsanitäter einen intravenösen Zugang.

Auffällig ist das EKG: Auf dem Bild sind supraventrikuläre Extrasystolen zu sehen – der Grund für das von Herrn S. beschriebene Herzstolpern. Über eine Infusion verabreicht der Notarzt einen Betablocker, der Notfallsanitäter bereitet parallel ein Analgetikum vor, wie zum Beispiel Morphin (Dosierungsschema beachten). Damit ist Herr S. transportfähig und wird vom Rettungsdienst nach Rücksprache mit der Leistelle zur weiteren Behandlung und intensivmedizinsichen Überwachung in ein Krankenhaus gebracht.

Stromunfall – Klassifikation und Hintergründe

Bei Herrn S. handelt es sich um einen sogenannten Niederspannungsunfall mit einer Spannung von weniger als 1.000 Volt. Der Strom fließt dabei durch den Körper – gelangt dabei entweder in den Stromkreis zurück, oder geht durch den Körper und die Leiter bis in die Erde. Während das Unfallopfer bei Hochspannungsunfällen grundsätzlich Brandverletzungen erleidet, kommt es bei der Niederspannung meist zu Herzrhythmusstörungen. Dabei ist Wechselstrom, wie er typisch für Haushalte und Haushaltsgeräte ist, für das Herz belastender, als Gleichstrom.

Fazit – Stromunfall im Rettungsdienst

Sich einen Überblick über den Einsatzort zu machen, ist immer wichtig. Ganz gleich, wo und wie das Ereignis aussieht. Das gilt vor allem bei einem Stromunfall. Denn nur, wer den Eigenschutz beachtet, kann zielführend helfen ohne sich selbst zu gefährden.