SAMPLER-Anamnese und OPQRST-Schema im Rettungsdienst

Im Rettungsdienst stellt die SAMPLER-Anamnese eine geeignete Ergänzung zum ABCDE-Schema dar. Mit dem ABCDE-Schema verschaffen sich Notfallsanitäter einen ersten schnellen Eindruck über den Gesundheitszustand des Patienten. Oftmals reicht diese Ersteinschätzung jedoch noch nicht aus, um das Notfallgeschehen in eine konkrete Verdachtsdiagnose zu überführen.

SAMPLER-Anamnese

Die SAMPLER-Anamnese erfolgt im weiteren Patientengespräch. Als Notfallsanitäter übernehmen Sie die Gesprächsführung und stellen gezielte Fragen. Ist eine Kommunikation mit dem Patienten nicht möglich (z.B. bei Bewusstlosigkeit), kann eine Fremdanamnese durchgeführt werden. Die SAMPLER-Anamnese eignet sich vor allem bei internistischen Patienten. Bei traumatischen Notfällen wird oftmals die gekürzte AMPLE-Anamnese angewendet. Ob und wann eine SAMPLER-Anamnese durchgeführt wird hängt oft auch vom Einsatzszenario ab. Lebensrettende Sofortmaßnahmen haben in jedem Fall Vorrang.

  • Symptoms (Schmerzen / Symptome)
  • Allergies (Allergien)
  • Medication (Medikation)
  • Past Medical History (medizinische Vorgeschichte des Patienten)
  • Last Oral Intake (letzte Nahrungsaufnahme)
  • Events Prior to Incident (vorangegangene Ereignisse)
  • Risk Factors (Risikofaktoren)

Schmerzen / Symptome (OPQRST-Schema)

Die Ausprägung von Schmerzen oder Symptomen kann sich von Mensch zu Mensch aber auch je nach Krankheitsbild erheblich unterscheiden. Auch hier eignet sich eine standardisierte Vorgehensweise zum Beispiel nach dem OPQRST-Schema:

  • Onset (Beginn) – Wie hat alles begonnen? Wie haben die Schmerzen oder Symptome eingesetzt? Seit wann bestehen die Beschwerden?
  • Provocation und Palliation (Verstärkung/Linderung) – Was verstärkt oder lindert die Beschwerden des Patienten? Ändern sich die Schmerzen oder Symptome je nach Lage (z.B. liegend, sitzend, stehend etc.)?
  • Quality (Charakter) – Wie fühlen sich die Schmerzen an (ziehend, stechend, drückend, pochend, wellenförmig, diffus etc.)?
  • Radiation (Ort/Ausstrahlung) – Wo genau ist der Schmerz zu spüren und in welche Körperregion strahlt dieser aus?
  • Severity (Stärke) – Wie stark sind die Schmerzen? Bitten Sie den Patienten den Schmerz anhand einer analogen, visuellen oder numerischen Schmerzskala von 1 bis 10 zu beurteilen.
  • Time (Verlauf) – Wie haben sich die Schmerzen bzw. die Beschwerden im zeitlichen Verlauf entwickelt? Gab es Schmerzspitzen (Zerreißungsschmerz)? Waren die Beschwerden wellenförmig (Kolikschmerzen)? Haben die Schmerzen stetig zugenommen (Entzündungsschmerz)?

Allergien

Die Frage nach bekannten Allergien ist von besonderer Bedeutung. Eine bekannte Allergie könnte nämlich der Grund für die aktuellen Beschwerden des Patienten sein. Ist im Rahmen der Notfallbehandlung eine medikamentöse Therapie erforderlich, können Arzneimittelallergien lebensbedrohliche Reaktionen hervorrufen, die es zu vermeiden gilt. Patienten mit bekannten Allergien führen oft einen sogenannten Allergiepass mit sich.

Medikation

Das Thema Medikation ist sehr vielfältig. Bei älteren Patienten ist es nicht ungewöhnlich das diese 5 bis 10 unterschiedliche Präparate am Tag einnehmen müssen. Deshalb sollte in jedem Fall nach der sogenannten Vormedikation gefragt werden. Viele Patienten besitzen bereits einen bundeseinheitlichen Medikationsplan von ihrem Hausarzt. Das erleichtert die Recherche enorm und spart Zeit. Die Vormedikation gibt vor allem Aufschluss über mögliche Vorerkrankungen. Gleichzeitig können etwaige Wechselwirkungen oder Dosierungsfehler als Notfallursache identifiziert werden. Aber auch die Einnahme von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten oder Drogen sollten abgefragt werden.

Patientenvorgeschichte (medizinisch)

Um die aktuelle Notfallsituation noch besser einschätzen zu können, sollten Notfallsanitäter nach relevanten Vorerkrankungen fragen. Welche Vorerkrankungen sind dem Patienten bekannt? Wurde der Patient vor kurzem operiert? Auch hier können vorhandene medizinische Dokumente wie zum Beispiel Entlassungsberichte aus vorangegangenen Krankenhausaufenthalten besonders hilfreich sein. Die bekannten Vorerkrankungen sollten mit den aktuellen Symptomen oder Beschwerden abgeglichen werden, um die Verdachtsdiagnose weiter eingrenzen zu können.

Letzte Nahrungsaufnahme

Wie lange liegt die letzte Nahrungsaufnahme des Patienten zurück? Diese Frage bezieht sich sowohl auf feste als auch flüssige Nahrungsmittel und Getränke. Zum einen können Nahrungsmittel bestimmte Beschwerden verursachen (z.B. Nahrungsmittelvergiftungen, Allergien etc.). Gleichzeitig kann mit dieser Frage aber auch das Aspirationsrisiko einer eventuell bevorstehenden Intubationsnarkose abgeschätzt werden. Im Optimum hat der Patient seit 6 Stunden nichts mehr gegessen. Grundsätzlich werden Notfallpatienten aber als „nicht-nüchtern“ angesehen.

Ereignis

Als Notfallsanitäter sollten Sie im Gespräch herausfinden, ob ein besonderes Ereignis der aktuellen Notfallsituation vorangegangen ist. Im Optimum erinnert sich der Patient an eine bestimmte Situation die im direkten Zusammenhang stehen könnte. Eine fehlende Erinnerung kann unter Umständen ebenfalls ein Hinweis auf eine mögliche Ursache sein (z.B. Krampfanfälle, Stürze mit einhergehender Bewusstlosigkeit etc.).

Risikofaktoren

Fragen Sie den Patienten nach bekannten Risikofaktoren die einen Einfluss auf die aktuellen Symptome oder Beschwerden haben könnten. Nicht immer sind diese auf den ersten Blick ersichtlich, wie zum Beispiel bei Schwangerschaften, Diabetes, Nikotin- und Alkoholkonsum etc. Je nach Konstellation erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der richtigen Verdachtsdiagnose auf der Spur zu sein.

SAMPLER-Anamnese – klingt kompliziert, ist es aber nicht!

Die SAMPLER-Anamnese mag auf den ersten Blick nach viel kommunikativer Arbeit aussehen. Keine Sorge – als Mitarbeiter im Rettungsdienst geht ihnen diese Vorgehensweise jedoch irgendwann in Fleisch und Blut über. Die passenden Fragen im Sinne einer SAMPLER-Anamnese ergeben sich im Gesprächsverlauf oftmals von ganz allein, nach dem sich ein erster Eindruck nach dem ABCDE-Schema verschafft wurde. In manchen Fällen bestimmt aber auch die Notfallsituation selbst den Umfang und die Tiefe der durchzuführenden Anamnese (z.B. lebensrettende Sofortmaßnahmen, Gefahrensituationen etc.). Vor allem im Rahmen der Ausbildung zum Notfallsanitäter bietet die SAMPLER-Anamnese sowie das QPQRST-Schema eine sehr gute Eselsbrücke.


Quellen: vgl. Behandlungspfade und Standardarbeitsanweisungen im Rettungsdienst, Landesverband ÄLRD Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt (2020), S. 68 f.